KUNST UND KUNSTHANDWERK AUS WESTAFRIKA: Stoffmalerei

Stoffmalerin Yopé Sanogo bemalt ein Tuch. Foto: Karl-Heinz Krieg, Monongo (Region von Boundiali, Côte d’Ivoire), 1978

Stoffmaler Tinnimpiénan Tuo mit einem von ihm selbst bemalten Hemd. Foto: Karl-Heinz Krieg, Sirasso (Region von Boundiali, Côte d’Ivoire), 1976

Die Senufo benutzen zum Teil noch heute herkömmliche Kleidungsstücke, die durch ihre besondere Machart auffallen. Im Alltag tragen Frauen und Mädchen Hüfttücher und, sofern sie Mütter sind, ein zweites Tuch als Babytuch, um das Kind auf den Rücken zu binden. Diese Hüfttücher sind wie die Hemden oder Anzüge der Männer und die Kinderhemden aus grobem, handgesponnenen und handgewebten Baumwollstoff hergestellt, wobei schmale, bandartige, 9 bis 15 cm breite Baumwollstreifen zur benötigten Breite zusammengenäht werden. Kleidungsstücke für den täglichen Gebrauch sind naturfarben-weiß oder haben eingewebte Streifen in naturindigoblau. Häufig ist die Naturfarbe schon durch Indanthrenfarben und das handgesponnene Garn von billigem importierten Maschinengarn verdrängt. Als besondere Kleidung heben sich davon die handbemalten Tücher und Kleidungsstücke ab.

In der traditionellen Stoffmalerei, Flafani genannt, wurde kein gewöhnliches Kleidungsstück bemalt. Es geht hierbei nämlich um keine Mode, die schön sein will. Vielmehr haben die aufgemalten Muster, ja das ganze Tuch als solches, eine magische Bedeutung. Das Flafani-Tuch will nicht gefallen oder auffallen; es will schützen, heilen und helfen. Hat eine Person irgendein Problem (Krankheit, Unfruchtbarkeit, ausbleibende Erfolge bei der Jagd oder irgendwelche sonstige private, familiäre oder berufliche Schwierigkeiten), besucht sie den Wahrsager, den „Arzt für Körper und Seele“, der nach Befragen des Orakels die entsprechende Medizin verschreibt. Diese kann in Form von Bronzeamuletten, Armreifen, Fingerringen oder Figuren verschiedenster Form, aber auch als bemaltes Kleidungsstück verordnet werden. Das Orakel bestimmt Zeitpunkt und Dauer, ja es legt manchmal sogar die Art der Arbeit, zu der das bemalte Kleidungsstück getragen werden muß, fest. Das Bemalen ist nicht Sache berufsmäßiger Künstler, sondern wird von einzelnen, dafür begabten Stammesmitgliedern ausgeführt. Ist im Dorf eine Person (Mann oder Frau) für diese Arbeit bekannt, bekommt sie das rohe Tuch von dem Hilfesuchenden und bemalt es, ganz nach ihrer eigenen Phantasie. Dieses aufgemalte Muster als solches gibt dem Tuch noch nicht die besondere Kraft; das bemalte Tuch oder Hemd wird „kraftgeladen“ und erhält seine heilende, schützende Wirkung lediglich durch ein entsprechendes Opfer, vor dem Altar des Wahrsagers.

Die Färbe- und Maltechnik
Die Farbe wird als Absud aus bestimmten Blättern und Zweigen gewonnen. Sie ist zunächst bräunlich-gelb. Durch Einreiben der mit dieser gelben Grundfarbe bemalten Stoffe mit eisenhaltigem Flußschlamm verändert sich der Farbton nach dem Trocknen und Auswaschen (ohne Seife) im Fluß zu einem dunklen Braun bis sattem Schwarz. Das Behandeln mit Flußschlamm geschieht, nachdem das jeweilige Muster, geometrisch oder in wenigen Fällen auch figürlich, auf den Stoff aufgetragen wurde. Traditionell ist, wenn das Muster den Rand der zusammengenähten 9 bis 15 cm breiten Streifen nicht überlappt; moderne, für den Tourismus entwickelte Muster nehmen dagegen größere Flächen ein und überschreiten grosszügig die „Grenzlinie“ der jeweiligen Nähte. Als Malgeräte dienen entweder stumpfe Holz- oder Eisenmesser, mit denen die dünnen Linien auf dem Stoff gezogen werden, dann breite Holzspachteln, um z. B. die Nähte zu überdecken, außerdem wie Kauhölzchen angekaute Holzpinsel, um damit größere Flächen einzufärben; dann kleine, runde Hölzchen, um die Farbe fest in den Stoff zu klopfen. Weitere Geräteschaften sind kleine Holzstempel, mit Kreuz-, Punkt- oder Kreismuster. Mit Grasbürsten oder Küchenbesen, manchmal auch mit großen Blattrippen wird die Farbe auf Jagd- und Bauernhemden aufgespritzt oder aufgeschlagen. Der Stoff wird beim Bearbeiten entweder über ein Brett gebreitet und festgenagelt oder einfach über eine Kalabassenschale (ausgehöhlter Kürbis) gezogen. Daneben finden sich Tücher in rot-schwarzer Einfärbung. Tücher dieser Art werden zunächst mit einer rostroten Farbe (hergestellt aus einem Rindenabsud) ganz eingefärbt und danach in trockenem Zustand mit einem eisenhaltigen, dünnflüssigen Flußschlamm bemalt. Nach dem Antrocknen des Schlamm-Musters kann dieses entweder trocken ausgerieben oder im fließenden Wasser ausgewaschen werden. Das aufgetragene Schlamm-Muster erscheint jetzt, durch die Einwirkung des Eisen im Flußschlamm, schwarz.

Text: Karl-Heinz Krieg, 1980
Aus: Kunst und Kunsthandwerk aus Westafrika. Mit einem Vorwort von Dr. Klaus Volprecht, Leverkusen 1980