Kunst und Kunsthandwerk aus Westafrika: Gießerei

Fono-Gießer Songuifolo Traoré modelliert eine Maske aus Wachs. Foto: Karl-Heinz Krieg, Odia (Region von Boundiali, Côte d’Ivoire), 1977

Herstellung einer Gussform für eine Bronzemaske. Der Lehmmantel, in dem sich ein Maskenmodell aus Wachs befindet, wird erhitzt. Foto: Karl-Heinz Krieg, Gbon (Region von Boundiali, Côte d’Ivoire), 1978

Maskentänzer mit Bronzemaske gegossen von Zana Ouattara aus Landiougou. Foto: Karl-Heinz Krieg, Ouazomon (Region von Boundiali, Côte d’Ivoire), 1977

Um die Mitte des 19. Jahrhunderts übernahmen die Senufo-Schmiede das Gießer-Handwerk von den Lokos, die in dieser Region ursprünglich die eigentlichen Gelbgießer waren. Der Schmied ist, neben seiner traditionellen Schmiede- (und vereinzelt auch Schnitz-) arbeit heute der unangefochtene Gießer im Senufogebiet.

Die Technik
Von alters her ist das Wachs-Ausschmelzverfahren in Westafrika bekannt, das Gießen „in der verlorenen Form“, das ein hohes Maß an Erfahrung und Kunstfertigkeit verlangt. Die Form wird in Bienenwachs modelliert, oder aber es wird ein Naturmodell (z. B. ein Insekt, eine Erdnuß) benützt. Diese Form wird erst mit einer dünnen Schicht verflüssigter Holzkohle überzogen und, sobald diese getrocknet ist, mit einem Lehmmantel umhüllt. Nach dem Trocknen des Lehmmantels wird durch Erhitzen das Wachs ausgeschmolzen (bzw. es verbrennt die Naturform im Innern des Lehmmantels). Auf die Öffnung im Lehmmantel wird nun ein Trichter aus Lehm aufgebaut. In diesen legt der Schmied Bronze- oder Messingabfälle und verschließt danach den Trichter zunächst mit einem Stück alten Tuchs. Dann dichtet er den Trichter mit Lehm gründlich ab. Nach dem Trocknen des aufgesetzten Lehmtrichters wird die ganze Form nochmals mit einer dünnen Lehmflüssigkeit gründlich abgedichtet und getrocknet. Jetzt hat der Lehmmantel die Form einer Sanduhr oder besser: die von zwei mit einem Hals verbundenen Kugeln. Der Gießer stellt nun die Form umgekehrt ins Feuer, d. h. die mit Metall gefüllte Kugel nach unten. Hat das Feuer die richtige Temperatur erreicht (der Schmied sieht an der schwefelgelben Flamme, ob das Metall flüssig ist), greift er die glühende Lehmform am Hals und dreht sie schnell herum, damit das jetzt flüssige Metall in die hohle Form schießen kann. Um den gegossenen Gegenstand zu erhalten, muß die Tonform nach dem Erkalten zerschlagen werden. Auf diese Weise stellt jeder Guß ein Unikat dar. Die gegossenen Kultfiguren, Fingerringe, Arm- und Fußreifen sowie Amulette sind für westliche Liebhaber ästhetisch schöne Sammelobjekte. Für den Afrikaner dagegen hat jedes dieser Stücke eine kultische, magische, heilende oder schützende Bedeutung; d. h. es hat eine besondere Funktion für seinen Besitzer, z. B. für den Wahrsager, der kleine Bronzefiguren auf seinem Altar oder Opferplatz stehen hat. Jedes dieser Stücke entstand nämlich auf Grund eines Problems, etwa einer Krankheit, wobei die jeweilige Form und die Verzierung mit Tier- oder Menschensymbolen vom Wahrsager für den jeweiligen Patienten nach vorherigem Befragen des Orakels, bestimmt wurden.

Bronzemasken
Ab Mitte des letzten Jahrhunderts übernahmen die Schmiede das Gießen der Masken von den Lokos, was zu einer Verlagerung des Handwerks von einer Gruppe zur anderen führte. In der darauffolgenden Zeit wurden des öfteren hölzerne Kpelie-Gesichtsmasken gegen Bronzemasken ausgetauscht. Die Bronzemaske erfreute sich großer Beliebtheit, nicht zuletzt aus praktischen Erwägungen, da sie nicht so leicht durch Feuer oder Bruch zu Schaden kommen kann. Die Bronze-Kpelie-Gesichtsmaske wird bis heute von den Senufo-Bauern, aber auch von den Schmiedegruppen traditionell nur bei Begräbnisfeiern
getanzt.

Text: Karl-Heinz Krieg, 1980
Aus: Kunst und Kunsthandwerk aus Westafrika. Mit einem Vorwort von Dr. Klaus Volprecht, Leverkusen 1980